Question Formulation Technique – Sven‘s Selbstversuch

Vor einigen Wochen erarbeiteten Sven und ich uns gemeinsam ein Thema, indem wir die Question Formulation Technique (QFT) anwendeten. Die Technik setze ich seit über einem halben Jahr sowohl beruflich als auchprivat ein, während für Sven die Technik und Vorgehensweise neu war. Das Ergebnis dieser Zweier-Session möchte ich Euch hier vorstellen. Zuvor kurz zur Klärung was QFT ist und wo es herkommt.

Überblick und Hintergrund zu QFT

Die Question Formulation Technique (QFT) ist eine Fragetechnik aus der Pädagogik, die vom Right Question Institute erarbeitet wurde und insbesondere an Schulen und Universitäten in USA verbreitet wird. Die Technik war ursprünglich dazu gedacht, das kreative Fragenpotential von Kindern und jungen Erwachsenen zu aktivieren sowie ihre Beteiligung am Unterricht und Interesse für Themengebiete zu steigern. Eigenschaften, die wir in der agilen Software-Entwicklung an unterschiedlichen Stellen gut gebrauchen können, wie ich finde.

Die Technik selbst besteht aus 7 einfachen Schritten:

  1. Fragenfokus formulieren
  2. Regeln klären
  3. Fragen stellen
  4. Fragen kategorisieren
  5. Fragen priorisieren
  6. Erste Schritte definieren
  7. Reflektieren

Und genau das habe ich mit Sven auch gemacht.

Schritt 1: Fragenfokus formulieren

Als Fragenfokus (= ein Thema / eine Situation / ein Problem, das selbst keine Frage ist). Sven wählte:

  • „Ich arbeite im besten Projekt aller Zeiten“. 

Damit schloss Sven den ersten Schritt ab, in dem er einen Fokus definierte, auf den sich alle nachfolgenden Fragen beziehen werden.

Schritt 2: Regeln klären

Im zweiten Schritt gilt es vier Regeln zu beachten, nämlich:

  1. Stelle so viele Fragen wie nur möglich
  2. Keine Antworten, Diskussionen, Bewertungen
  3. Schreibe jede Frage genauso auf wie sie gestellt wurde
  4. Verändere jede Aussage in eine Frage

Der Sinn dieser Regeln besteht darin, für alle nachfolgenden Schritte eine freie Arbeitsweise zu ermöglichen, die nicht durch Kritik oder Bewertungen unterbrochen wird.

Schritt 3: Fragen stellen

Der dritte Schritt „Fragen stellen“ ist ein reines Brainstorming, bei dem so viele Fragen generiert werden sollen, wie es nur geht. Dabei soll man nicht darauf achten ob eine Frage bereits gestellt wurde oder die vorhergehende Frage einfach umformuliert wurde. Alles ist erlaubt, solange es eine Frage ist.

Dieser Schritt, kann je nach Bedarf 5-10 Minuten dauern. Sven hatte 10 Minuten Zeit seine Fragen aufzuschreiben. Parallel habe ich ebenfalls meine Fragen zu dem gleichen Fragenfokus erarbeitet, so dass wir unsere Ergebnisse nach dieser Runde vergleichen konnten. Sven kam auf 25 Fragen, ich auf 27 Fragen. Neben der Anzahl ist uns aufgefallen, dass wir das gleiche Thema aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet haben, was uns viel über unseren aktuellen Kontext verraten hat.

Sven hatte eher auf seine Person bezogene Fragen gestellt, z. B. „Was habe ich dazu beigetragen?, Wo wurde ich überrascht? Was habe ich übersehen?“, während ich projektbezogene Fragen gestellt habe wie „Welche Skills haben die Personen in diesem Projekt? Gibt es einen Kunden für dieses Projekt? Ist das ein agiles Projekt?“. Darüber hinaus hatten wir Fragen, die den gleichen Tenor hatten wie „Was haben wir aus dem vergangenen Projekt übernommen, das uns erfolgreich gemacht hat?“ und „Was können wir aus diesem Projekt ins nächste übertragen?“. Beide Fragen beschäftigen sich mit „Learnings“ jedoch aus unterschiedlichen zeitlichen Perspektiven.

Hier komme ich zu der Idee, dass man Fragen nach ihrer zeitlichen Abfolge ordnen könnte, wenn man einen Bedarf dafür hätte. Eine schöne Anmerkung von Sven war, dass es ihn überrascht hat, dass ich ihn nicht nach den ersten zehn Fragen gebremst habe, sondern, dass er die gesamten 10 Minuten nutzen konnte. Nun darin liegt der Sinn der Übung, sich Zeit zu nehmen, damit das Gehirn auch die Chance hat sich mit Fragen warm zu laufen, neue Ansätze auszuprobieren, neue Aspekte in einer bereits gestellten Frage zu finden, die Richtung zu wechseln und wieder zu einer Formulierung zurück zu kommen. Zeit, die man sich sonst nicht dafür nimmt.

Schritt 4: Fragen kategorisieren

Beim vierten Schritt „Fragen kategorisieren“ geht es darum, die erarbeitete Fragenliste durchzugehen und bei jeder Frage entweder „G“ für eine geschlossene Frage oder ein „O“ für eine offene Frage zu vermerken. Das hat den Effekt, dass man anhand der Häufigkeit direkt sehen kann welchen Fragentyp (geschlossen, offen) man grundsätzlich bevorzugt. Das ist nicht wertend gemeint, beide Möglichkeiten sind gleich gut, was häufig jedoch anders gesehen wird. Deshalb ist es auch gut sich ins Gedächtnis zu rufen, welche Vor- und Nachteile sowohl offene als auch geschlossene Fragen haben, was QFT an dieser Stelle auch fordert.

Als Ergebnis kam bei Sven wie bei mir raus, dass wir fast nur offene Fragen stellten. Damit war der vierte Schritt allerdings noch nicht abgeschlossen, denn hier soll man alle gestellten Fragen umwandeln und die Fragenliste ergänzen. Sprich, man soll alle offenen Fragen in geschlossene Fragen verwandeln und alle geschlossene Fragen in offene Fragen umformulieren. Das braucht ein klein wenig Übung, denn das macht man eher selten. Hier sollte man sich nicht allzu sehr am genauen Wortlaut festklammern, das schränkt unnötig ein. Der Sinn soll bei der Umformulierung erhalten bleiben, aber es muss nicht Wort für Wort wiedergegeben werden. Was passiert jedoch an dieser Stelle mit einer Person? Man reflektiert über die Fragen, die man gestellt hat, in dem man eine sinnvolle Übersetzung zu finden sucht. Man entdeckt ggf. auch Fragen, die eine Voraussetzung für vorhergehende Fragen bilden oder nachfolgend beantwortet werden können.

Am Ende dieser Übung wuchs die Fragenliste von Sven um mehr als das Doppelte, wobei er im Zuge der Umformulierung weitere Fragen ergänzte, die er zusätzlich wieder umformulierte, sodass er am Ende auf 55 Fragen kam. An der Stelle führte ich meine Liste nicht mehr weiter. Der Hintergrund für diesen Schritt ist, dass jede gestellte Frage einen neuen Fokus für eine Antwort eröffnet. Die Antwort richtet sich nämlich nach der Fragenformulierung aus, zumindest wünscht man sich das . Was macht man aber mit 55 Fragen? Das klärt sich im nächsten Schritt.

Schritt 5: Fragen priorisieren

Bei „Fragen priorisieren“ geht man durch die Gesamtliste durch und wählt drei Fragen aus, die am wichtigsten / interessantesten / relevantesten für den Fragenfokus zu beantworten wären. Hierbei sollte man darauf achten an welcher Stelle sich diese Fragen befinden. Zu Beginn der Liste, am Ende des ersten Abschnitts oder vielleicht eher bei den umformulierten Fragen. Das verrät einem welche Wege das Gehirn einschlagen musste, bis die Fragen aufgekommen sind, die es wirklich Wert sind beantwortet zu werden.

Neben der Priorisierung fragt QFT nach dem Grund weshalb explizit diese drei Fragen ausgewählt wurden, sodass man wieder einen Reflektionspunkt hat, an dem man mit der Argumentation nochmals prüfen kann, ob die Wahl richtig getroffen wurde.

Sven wählte 3 Fragen aus:

  • #09 Was lässt es mich übersehen?
  • #12 Wie kann ich es loslassen?
  • #17 Wo bin ich überrascht worden?

mit „Was lässt es mich übersehen?“ als erste Priorität.

Exkurs - QFT und dieser Blog

Kleines Nebenbeispiel: Ich habe QFT verwendet, um festzulegen welche Fragen ich in diesem Artikel beantwortet haben möchte. Alles waren gute Fragen (angedeutet im Bild) aber die eine, an Stelle 34 war ausschlaggebend für diesen Artikel, nämlich „Darf ich Beispiele aus dem Versuch mit Sven schreiben?“ Das war eine Umformulierung der offenen Frage „Welche Beispiele kann ich schon aufzeigen?“, die an 14er Stelle aufkam. Insgesamt habe ich 40 Fragen generiert, von denen ein Großteil sich in diesem Artikel wiederfinden. 

Schritt 6: Erste Schritte definieren

Erste Schritte definieren“ ist der Punkt an dem das Gehirn sich bei jedem kurz verweigern wird, denn hier gehen wir wirklich ins Eingemachte. Anhand dieser vier zusätzlichen Fragen plant man die Beantwortungsschritte und das Ziel, das man mit den priorisierten Fragen verfolgt:

  1. Was ist das Ziel?
  2. Was ist der erste Schritt?
  3. Kommt noch ein Schritt davor?
  4. Wie sieht es aus, wenn man das Ziel erreicht hat?

Beispielsweise hatte Sven als Ziel seine Perspektive zu weiten um hinter den Goldrausch zu sehen, um von innen und außen das "beste Projekt allerzeiten" zu betrachten. Sein erster Schritt wäre gewesen sich eine Liste von Ideen zu machen, wie er etwas übersehen könnte. Um das zu realisieren müsste er davor sich einen Termin für das Bearbeitungsfenster setzen und davor noch entscheiden ob es ihm überhaupt wichtig ist es weiter zu verfolgen. Sein Ziel erreicht hätte er, wenn er etwas findet, was er übersehen hat. Das mit jemanden besprochen, kategorisiert und bewertet hat.

Wenn man mit den ausgewählten Fragen an dieser Stelle Schwierigkeiten bekommt, d. h. wenn sich diese vier Fragen nicht sinnvoll beantworten lassen, dann sollte man seine Gesamtliste nochmal prüfen, ob eine andere Frage sich nicht doch besser eignet.

Schritt 7: Reflektion

Mit dem letzten Schritt „Reflektion“ endet die Technik. Man reflektiert nochmal über den gesamten Prozess, was zu diesem Zeitpunkt leicht fallen sollte, denn man reflektiert ja die gesamte Zeit über. Beim ersten Mal lohnt es sich diese vier Fragen zu beantworten:

  1. Was habe ich mit dieser Technik gelernt?
  2. Was hat mich überrascht?
  3. Was hat mir gefallen?
  4. In welcher Situation könnte ich QFT verwenden?

Zur letzten Frage habe ich hier einige Bereiche zusammengetragen, in der ich QFT schon benutzt habe:

Schlusswort

Im Grunde ist QFT eine Kreativitätstechnik, die einen über Fragen den Weg weist ein besseres Ergebnis zu erzielen. Wie die Anwendung auf ein bestimmtes Gebiet in der agilen Software-Entwicklung aussehen kann, versuche ich in einem separaten Artikel zusammen zu fassen.

Nadja